Ein halbes Jahr im Ausland – das ist mehr als eine Klassenfahrt, es ist ein Leben auf Zeit. Im Rahmen des Voltaire-Austauschs verbringen die beiden französischen Schüler Arthur Barbault und Ulysse Morin Danto jeweils sechs Monate an unserem Gymnasium; von September bis Februar nächsten Jahres werden sie von ihren deutschen Austauschpartnern Michael Deser und Justus Luftmann besucht. Nach acht Wochen in Burghausen haben Arthur und Ulysse erzählt, wie sie den Alltag, die Schule und das Leben in ihrer Gastfamilie erleben. Ihre Antworten zeigen: Ein Langzeitaufenthalt öffnet Türen, verändert Sichtweisen und schafft Erinnerungen, die lange halten.
Ulysse kommt aus Combs-la-ville in der Nähe von Paris, Arthur besucht das Lycée im etwa 100 Kilometer entfernten Joigny – und beide haben sich in den ersten Wochen schnell in Burgkirchen bzw. Burghausen eingelebt. Die Gastfamilien, heißt es, hätten sie herzlich aufgenommen; mit den deutschen Austauschpartnern verstehe man sich „sehr gut“. Beide Schüler berichten, dass sie sich in der Gegend wohlfühlen und kaum etwas vermissen. „Nur den besten Freund und Banknachbarn zum Quatschen im Unterricht“, grinst Ulysse. Er hat bereits zweimal längere Zeit in Deutschland verbracht und wusste vorher ungefähr, worauf er sich einlassen würde. Allerdings macht ihm der bayerische Dialekt zu schaffen: „Davon verstehe ich gar nichts!“ An den bayerischen Akzent im Hochdeutschen hat er sich hingegen schnell gewöhnt, der bringt ihn nicht mehr aus der Fassung. Arthur war im Gegensatz zu Ulysse vorher noch nie in Deutschland. Zu Beginn sei Verstehen und Sprechen „ganz schwer“ gewesen, aber mittlerweile funktioniert das eine wie das andere prima. Auch dank der Übung mit seinem Austauschpartner: Arthur spricht mit Michael überwiegend Deutsch, Michael mit Arthur Französisch, und sie korrigieren sich gegenseitig. Außerdem notiert Arthur unbekannte Wörter aus dem Unterricht und lässt sie sich abends von seiner Gastfamilie erklären – ein kleines Ritual mit großer Wirkung.
Schule bedeutet für Arthur und Ulysse einen Perspektivwechsel. Die kürzeren Schultage – häufig ist um 13 Uhr Schluss – fallen ihnen positiv auf; im Heimatland dauern die Schultage länger, oft bis 17 oder 18 Uhr, danach müssen noch Hausaufgaben erledigt werden. Die freie Zeit am Nachmittag genießen beide gleichermaßen und nutzen sie für sportliche, musische und soziale Aktivitäten. Und manchmal eine kleine Siesta… Trotz der geringeren Unterrichtszeit empfinden beide das Niveau des Unterrichts als anspruchsvoll und oft höher als in Frankreich; Arthur sieht einen möglichen Grund darin, dass in Frankreich die Schüler bis zur 9. Klasse mit dem Collège eine Gesamtschule besuchen, in der gerade begabte Schüler nicht ausreichend gefördert werden können.
Das Miteinander an der Schule funktioniert für Arthur und Ulysse reibungslos. Die Lehrkräfte nehmen die Gäste an und integrieren sie ins Klassenleben; trotzdem gibt es kleinere und größere Stolpersteine. Arthur schmunzelt über schwer lesbare handschriftliche Notizen mancher Lehrkräfte – für neu gelernte Vokabeln eine zusätzliche Hürde. Ulysse erwähnt die Zusammensetzung seiner Klasse: fünf Jungs und 20 Mädchen. Ob der hohe Mädchenanteil Fluch oder Segen ist? Ulysse lächelt…
Das Niveau in Deutsch und den Naturwissenschaften fordert Ulysse und Arthur heraus. „Nathan der Weise“ war für beide wegen der sperrigen Sprache kaum zu bewältigen, in Chemie sind die Klassen am AVG viel weiter als ihre Klassen in Frankreich. Trotzdem schreiben die beiden fast alle Leistungserhebungen mit, doch die erzielten Noten entscheiden nicht über ihr schulisches Fortkommen. Viel wichtiger als Zensuren sind die Erfahrungen, die Ulysse und Arthur in diesem halben Jahr machen. Am Ende des Austauschs erhalten sie statt einer Ziffer pro Fach ein persönliches Wortgutachten, das ihr Lernen und ihr Engagement dokumentiert.
Außerhalb des Klassenzimmers suchen Arthur und Ulysse Anschluss auf unterschiedliche Weise. Arthur ist sportlich aktiv, spielt Tennis und Badminton im örtlichen Verein und unternimmt viel mit seiner Gastfamilie, etwa einen Kurztrip nach Wien in den Osterferien. Ulysse bleibt seiner Musik treu: Er nimmt Schlagzeugunterricht an der Musikschule und praktiziert damit eine Konstante aus dem Heimatalltag weiter. Beide finden in Schule und Freizeit Wege, ihr Leben in Frankreich und ihre neuen Erfahrungen zu verbinden.
Was Arthur und Ulysse aus den ersten zwei Monaten mitnehmen, ist mehr als Sprachfortschritt: Es ist die Erfahrung, selbstständiger zu werden und die Welt aus einer anderen Perspektive zu sehen. Arthur träumt bereits davon, einen kurzen Film über seinen Aufenthalt zu drehen, um Mitschülerinnen und Mitschüler für das Voltaire-Programm zu begeistern; Ulysse kann sich vorstellen, langfristig wieder nach Deutschland zu kommen – „am liebsten in die Berge“, ergänzt er, „zum Wandern im Sommer und Snowboarden im Winter.“
Sechs Monate geben Zeit, um Dialekte zu entwirren, Unterrichtsgewohnheiten zu verstehen und Beziehungen zu entwickeln und zu vertiefen. Arthur und Ulysse zeigen, wie ein Aufenthalt über ein halbes Jahr aus einem Schüleraustausch gelebten Alltag macht: spannend, fordernd und bereichernd. Wir freuen uns auf die restliche Zeit mit unseren Gästen – und darauf, im kommenden Halbjahr die Perspektive zu wechseln, wenn unsere Schüler Justus Luftmann und Michael Deser in Frankreich dieselbe Erfahrung machen werden.